Runde 6 zwischen Marc Tobiasch und Patrick Dickmann

Über weite Strecken der zurückliegenden Pro-Tour-Saison hatten Marc Tobiasch und Patrick Dickmann sich ein spannendes Rennen um die Führung in der Jahreswertung geliefert. Spätestens nach Tobiaschs Top 8 bei der Pro Tour Amonkhet war die Sache jedoch klar; Dickmann gestand seine Niederlage ein, während Tobiasch sogar noch Ambitionen aufs Erreichen des Platin-Levels entwickelte.

Letztlich schlossen beide die Saison mit dem Gold-Level ab, was ihnen unter anderem jeweils ein Erst-Runden-Freilos bei der Deutschen Meisterschaft einbrachte. Als deutscher Spieler mit den meisten Pro-Punkten sicherte sich Tobiasch zudem den ersten Startplatz beim diesjährigen World Magic Cup. Er würde im Wettkampf der Nationen die Bundesrepublik zusammen mit dem Deutschen Meister und Vizemeister vertreten.

Es sei denn, Tobiasch würde selbst einen der ersten beiden Plätze bei den Nationals belegen. Dann fiele diese Ehre an den Drittplatzierten. Darüber hatte ich mich schon kurz mit Tobiasch unterhalten und erfahren, dass er durchaus einen ernsthaften Versuch unternehmen wollte, das zu erreichen. Am Wochenende zuvor hatte er beim Grand Prix in Turin noch ein verrücktes vierfarbiges Friedhofsdeck ins Feld geführt …

Marc Tobiasch eine Woche zuvor, damals noch mit wilder Mähne und wildem Deck

„Diese Woche spiele ich etwas anderes. Wobei das Deck aus Turin wie gesagt echt gut gegen alles außer Monorot war,“ betonte Tobiasch und setzte mit einem zerknirschten Grinsen nach: „Am Ende war ich X:5 und 1:5 gegen Monorot.“

So würde es bei der DM jedenfalls nicht laufen. Nach drei Runden Standard war Tobiasch noch ungeschlagen, ebenso wie sein alter Widersacher Patrick Dickmann. Nicht zuletzt dank ihrer Freilose fanden sie sich zu diesem Zeitpunkt beide unter den ersten Acht der Rangliste wieder und durften entsprechend am ersten Drafttisch Platz nehmen. Das eröffnete die Möglichkeit für eine direkte Konfrontation, möglicherweise zum ersten Mal.

„Ich glaube, wir haben noch nie bei irgendwas Relevantem gegeneinander gespielt“, verriet mir Dickmann. Bisher hatten die beiden vor allem Seite an Seite gespielt, nämlich beim letztjährigen World Magic Cup, als Dickmann noch dank Pro-Tour-Top 8 seinerseits Pro-Punkte-Führender gewesen und Tobiasch erst später über ein Qualifikationsturnier dazugestoßen war.

Jedenfalls lauerte ich schon seit der ersten Draftrunde, der insgesamt vierten des Tages, auf die Gelegenheit, die beiden zum Feature Match zu bitten. Runde um Runde gingen sie sich jedoch erfolgreich aus dem Weg. Runde um Runde gewann aber auch der eine wie der andere.

Marc Tobiasch heute

Früher am Tag ließ sich noch mit anhören, wie jemand die Paarungen überprüfte und jammerte, „Och nee, ich glaube, ich muss gegen jemanden spielen, der mit mir am Drafttisch gesessen hat!“ Keine Ahnung, ob dieser Mensch sich bloß lustig oder tatsächlich lächerlich machte, aber natürlich wurden drei Draftrunden jeweils tischintern ausgetragen. Das bedeutete, dass spätestens in Runde 6 ein Aufeinandertreffen von Dickmann und Tobiasch, jetzt mit 5:0, unvermeidbar wurde.

„Du!“ begrüßte Tobiasch seinen Gegner dementsprechend in gespielter Verwunderung, als es endlich so weit war. Dickmann gab zu, dass er in Anbetracht der Qualität seines Decks durchaus daran gezweifelt habe, sich im Finale des Drafttischs wiederzufinden. Während Tobiasch ein rundherum überstarkes blau-rotes Tempodeck gedraftet hatte, konnte Dickmanns weiß-schwarzes Zombiedeck nur mit Grind // Dust und Unconventional Tactics aufwarten und eben mit solchen Schätzen wie In Oketra’s Name.

„Ja, du bist halt noch neu, hast ja auch gar keine Playmat“, stichelte Tobiasch weiter. Dickmann schmunzelte und meinte, „Ja, ich warte tatsächlich immer noch auf die erste Game-Day-Top 8.“

Dann allerdings ging es ans Eingemachte. „Kein Spaß hier! Das ist todernst!“, sagte Tobiasch und unterstrich die Aussage, indem er mit dem Zeigefinger auf den Tisch einstach. Dickmann hielt den Todernst für die eindeutig falsche Herangehensweise und erklärte: „Deshalb bist du kein Platin geworden.“

Spiel 1

Beide Spieler begannen mit 2- und 3-Drop, Tobiasch mit Firebrand Archer und Khenra Scrapper, Dickmann mit Miasmic Mummy und Marauding Boneslasher. Open Fire auf die 2/2 beraubte Dickmann gleich zweier Blockmöglichkeiten. Er fiel auf 15 und ihm blieb nichts anderes übrig, als seinen 3/3er zum Gegenangriff zu tappen und Soulstinger nachzulegen.

Er überlegte kurz, ob er damit Khenra Scrapper blocken solle, bis Tobiasch wieder den Zeigefinger auspackte und das Wort „Bedrohlich!“ im Text der Karte punktierte. Dickmann schüttelte den Kopf und gab zur Entschuldigung an: „Oh, ich dachte irgendwie, die Karte hätte das nur beim Exerten.“

Über die nächsten paar Züge schaffte es Dickmann dennoch, zumindest im Kampf um die Lebenspunkte zu punkten. Solitary Camel, weitere Angriffe mit Marauding Boneslasher und vor allem Dickmanns Torment of Scarabs sorgten dafür.

Patrick Dickmann machte Druck

Auf der Seite des Kartenvorteils hingegen war Dickmann schnell hoffnungslos unterlegen; Tobiasch hatte Vizier of the Anointed auf Tah-Crop Skirmisher und einen zweiten Vizier of the Anointed auf Aven Initiate. Alsbald war kein Durchkommen mehr für Dickmann und Torment of Scarabs konnte Tobiasch ebenfalls nach Belieben bedienen.

Shimmerscale Drake brachte Dickmann in den einstelligen Lebenspunktebereich, Trial of Zeal und Blur of Blades erledigten zusammen mit Firebrand Archer den Rest.

Spiel 2

Hier war das frühe Spiel vor allem von dem einen oder anderen Abtausch gekennzeichnet. Doch während Dickmann Sandblast und und Act of Heroism einsetzte, hantierte Tobiasch mit Sand Strangler und Countervailing Winds. Wie Dickmann später sagen würde: „Game 1 hätte ich ja noch gewinnen können, wenn ich irgendwann mal Unconventional Tactics oder Grind // Dust gezogen hätte. Aber Game 2 war gar nix.“

Zwischenzeitlich gelang es Dickmann zwar, ein wenig Druck aufzubauen, erneut mit Marauding Boneslasher und Torment of Scarabs, doch erneut verfing sich die Offensive in Tobiaschs Vizier of the Anointed. An entscheidender Stelle verlor Dickmann zudem einen Blocker an Abrade sowie einen Lebenspunkt an Firebrand Archer. Der so ermöglichte Angriff brachte Dickmann auf sechs. Open Fire ⇒ zwei. Trial of Zeal ⇒ Handshake, Ende, 2:0 für Marc Tobiasch.

„Das geht schon in Ordnung so“, sagte Dickmann. „Mir war ja von vornherein klar, dass Marc das bessere Deck haben würde. Bei meinem kann ich mit einem 2:1 eigentlich noch ganz zufrieden sein.“

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